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Region Hannover

Das Fleischfarbene Knabenkraut ist die Symbolart der Region Hannover.

Kurze Beschreibung

Das Fleischfarbene Knabenkraut (Dactylorhiza incarnata) gehört zur Gattung der Knabenkräuter (Dactylorhiza) und zur Familie der Orchideen (Orchidaceae). Die Art gilt in Deutschland als stark gefährdet (Kategorie 2), in Niedersachsen ist sie vom Aussterben bedroht (Kategorie 1).Das Fleischfarbene Knabenkraut ist eine mehrjährige Pflanze mit einem kräftigen hohlen Stengel und einer Knolle als Überdauerungsorgan. Die Wuchshöhe beträgt je nach Standort 20 bis 50 cm. Die vier bis sieben Blätter sind hellgrün, ungefleckt, breit-lanzettlich und aufrecht stehend. Das oberste Stengelblatt überragt die Basis des Blütenstandes. Dieser ist 5 bis 12 cm lang. Die Blüten sind verhältnismäßig klein, hellrosa (fleischfarben) bis rot gefärbt und zeigen eine deutliche Schleifenzeichnung. Die seitlichen Kelchblätter sind im voll erblühten Zustand nach hinten oben zurückgeschlagen. Die Blütenlippe ist etwa 5 bis 8 mm lang und nur schwach dreilappig. Die Blütezeit beginnt in unserer Gegend Ende Mai und reicht bis in die zweite Junihälfte.

Standorte

Das Fleischfarbene Knabenkraut ist sehr kalkliebend und kommt deshalb bevorzugt in Kalkflachsümpfen, aber auch in Wiesen auf basischen Böden vor. In der Region Hannover gibt es einige wenige Wuchsorte, die als Rückzugsgebiete der einstmals zahlreichen Lebensräume dieser Art zu deuten sind. Durch Biotopzerstörung, insbesondere durch Änderung von Bewirtschaftungsformen, Melioration der Böden, Trockenlegung und anderen Eingriffen sind die natürlichen Standorte (Primärstandorte) verloren gegangen.

Einige Exemplare dieser Orchidee konnten sich jedoch auf Sekundärstandorte zurückziehen, die sich auf kalkhaltigem Untergrund z. B. in Abbaugruben gebildet haben:
-Kalfflachsümpfe in Mergelgruben,
-kalkhaltige Verlandungszonen von Abbaugewässern,
-wechselfeuchtes nährstoffarmes Grünland über leicht basischen Niedermoorböden,
-kalkhaltige Sand-Lehm-Böden in aufgelassenen Sandgruben.

Aus alten Verbreitungskarten ist ersichtlich, dass das Fleischfarbene Knabenkraut bis vor 60 Jahren von der Küste bis nach Südniedersachsen in vielen Gebieten beheimatet war. Aktuell bilden die Wuchsorte in der Region Hannover die südlichsten der wenigen noch vorhandenen Vorkommen in Niedersachsen und sind daher für den Fortbestand dieser Orchideenart von besonderer Bedeutung. Der Region Hannover kommt damit landesweit eine herausragende Rolle beim Schutz des Fleischfarbenen Knabenkrautes zu.

In der Region Hannover sind aktuell 7 Standorte bekannt, von denen einige kurz vorgestellt werden sollen:

Mergelgruben
Das Fleischfarbene Knabenkraut besiedelte früher im Randbereich der Stadt Hannover den „Seckbruch“, ein ehemals großes Feuchtgebiet, das sich über Lagen aus Kalkmergel der Oberkreide gebildet hatte. Diese Schichten wurden jahrzehntelang für die Zementherstellung abgebaut und es entstanden mehrere tiefe Gruben. Ein großer Teil des „Seckbruch“ ist dadurch zerstört worden, der Rest wurde für die Landwirtschaft entwässert oder bebaut. In einer der ehemaligen Abbaustellen, der sogenannten „HPC II“, hat sich in der Zeit seit ihrer Auflassung ein äußerst wertvoller Lebensraum (Biotop) entwickelt. In den Nord- und Ostflanken der Grube befinden sich Sickerstellen, aus denen ganzjährig Wasser austritt. Das Wasser ist nicht nur sehr kalkhaltig, es enthält auch Eisen. Es fließt in Rinnen ab, tritt aber auch flächenhaft aus den Mergelschichten aus. Dabei wird Kalk abgelagert, der an manchen Stellen versintert und verkrustet.

An diesen wechselnassen, immer feuchten Stellen hatte das Fleischfarbene Knabenkraut neue Lebensräume gefunden und mehrere Populationen mit einigen hundert Pflanzen entwickelt. Die hier wachsenden Orchideen sind in der typischen Form der Art ausgebildet. Es gibt jedoch Farbvarianten von hellrosa bis zu tief dunkelroten Exemplaren, die meist kräftiger im Wuchs sind und bis zu 50 cm hoch werden. Doch die „HPC II“ wurde zur Verfüllung freigegeben, so dass inzwischen schon zahlreiche Knabenkräuter im unteren Bereich vernichtet worden sind. Auch der Standort der noch verblieben 38 Exemplare an der Nordflanke ist nicht mehr zu retten. Durch die fortschreitende Verfüllung steigt der Wasserspiegel an und mehrere Pflanzen standen im Jahr 2007 bereits im Wasser. In 2008 soll deshalb versucht werden, die verbliebenen Orchideen mit wissenschaftlicher Begleitung und Dokumentation in die benachbarte „HPC I“ umzusetzen.

In der „HPC I“ tauchte das Fleischfarbene Knabenkraut vereinzelt auf, nachdem sich auf der Grubensohle kleine Seen, flache Tümpel und Kalksümpfe gebildet hatten. An deren Rändern und insbesondere entlang ehemaliger Entwässerungsrinnen fanden die Orchideen wenig Konkurrenz durch anderen Bewuchs und somit ausreichend Licht und Feuchtigkeit, um sich auszubreiten. Es bildeten sich Populationen mit mehreren hundert Pflanzen heraus, die nahezu über die gesamte Grubensohle verteilt waren. Im Verlauf der nächsten Jahre kam es jedoch zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen und zu einem ständigen Rückgang dieser Art, die heute nur noch in einem kleinen Bereich der Grube wächst. Bereits im Jahr 1997 war der Bestand blühender Pflanzen auf etwa 150 Exemplare geschrumpft. Bei der Kartierung im Jahr 2006 konnten noch 76 Individuen nachgewiesen werden, im Jahr 2007 lediglich 38. Das Fleischfarbene Knabenkraut kommt auch an diesem Standort in unterschiedlichen Blütenfarben vor. Es gibt sowohl hellrosa blühende als auch kräftig rot gefärbte Pflanzen, die auch im Habitus kräftiger sind und deutlich breitere Laubblätter aufweisen. Zum Erhalt der Orchideen wurde in 2007 erstmals mit einer Entkusselungsaktion begonnen. Behutsame regelmäßige Pflegemaßnahmen in Handarbeit sind erforderlich, um diesen Standort zu bewahren. Die Grube HPC I ist als Schutzgebiet ausgewiesen und als Besuchergrube für geführte Exkursionen hergerichtet.


Feuchtwiesen
Ein weiterer Lebensraum des Fleischfarbenen Knabenkrautes sind wechselfeuchte basenreiche Wiesen, die sich durch Nutzung auf ehemaligem Niedermoorboden gebildet haben. Eine dieser Feuchtwiesen befindet sich im Hermann-Löns-Park in der Stadt Hannover. In niederschlagreichen Jahren wird die Wiese partiell überflutet und steht längere Zeit unter Wasser. Trocknet sie im April rechtzeitig ab, so können viele Pflanzen, so auch das Fleischfarbene Knabenkraut, austreiben und aufwachsen. Da die Wiese vom Grünflächenamt nur einmal pro Jahr im Herbst gemäht wird, bestehen sehr gute Wachstumsbedingungen für die Orchideen. Aus einer kleinen Population des Fleischfarbenen Knabenkrautes auf dieser Wiese hatte sich ein Bestand von über 150 Exemplaren entwickelt. Da der Hermann-Löns-Park seinerzeit auf einem Teil der „Breiten Wiese“ angelegt wurde, auf der alten Literaturangaben zufolge das Fleischfarbene Knabenkraut schon seit langer Zeit wuchs, ist das aktuelle Vorkommen mit hoher Wahrscheinlichkeit autochthon, also einer der letzten ursprünglichen Bestände dieser Art.

Die Population schien hier nicht gefährdet. Doch seit einigen Jahren tauchen plötzlich weitere nahe verwandte Orchideenarten hier auf wie das Breitblättrige Knabenkraut (Dactylorhiza majalis) und das Fuchs Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii). Beide Arten kommen im weiten Umfeld nirgendwo vor, so dass eine natürliche Ansiedlung auszuschließen ist. Deshalb ist zu befürchten, dass gezielt Pflanzen oder Samen eingebracht wurden, die nun den ursprünglichen Bestand des Fleischfarbenen Knabenkrautes bedrohen. Dieses geschieht durch Hybridisierung, also durch die Bildung von Bastarden zwischen den verschiedenen, aber nahe verwandten Arten. Die Ursprungsarten gehen dabei im Laufe der Zeit verloren. Auf der Feuchtwiese im Hermann-Löns-Park sind inzwischen die ersten Hybridpflanzen aufgetaucht.

Weitere Vorkommen des Fleischfarbenen Knabenkrautes in der Region Hannover befinden sich in ehemaligen Abbaustellen von Ton, in alten Sandgruben mit lehmhaltigen Schichten, an Stellen, an denen Mergel in großen Mengen zur Abdichtung aufgeschüttet wurde und in Verlandungsbereichen flacher Gewässer, die sich bei ungestörter Entwicklung zu neuen Kalkflachsümpfen ausbilden könnten. In Zusammenarbeit der Region Hannover mit dem Arbeitskreis Heimische Orchideen Niedersachsen e.V. (AHO) werden seit einigen Jahren alle Standorte im Rahmen eines Monitorings beobachtet und bei Bedarf gepflegt, soweit dieses möglich ist.

Naturerlebnismöglichkeiten

Sowohl der Hermann-Löns-Park als auch die „Besuchergrube HPC I“ sind öffentlich zugänglich und eignen sich für geführte Exkursionen, um interessierten Menschen die Orchidee Fleischfarbenes Knabenkraut in der Blüte zu zeigen. Beide Standorte sind zudem mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen und insbesondere der Hermann-Löns-Park ist leicht begehbar. Die Symbolartenaktion kann zudem als Anstoß für weitere Aktionen genutzt werden. Der AHO hat sich bereit erklärt, die Region Hannover fachlich und personell zu unterstützen. Somit können auch Wanderungen zu Standorten anderer heimischer Orchideen angeboten werden. Wer Lust hat, kann sich im Sommer auf eine „Orchideen-Standortsuche“ begeben. Im Juli und August blüht die nicht gefährdete Breitblättrige Stendelwurz (Epipactis helleborine) an vielen Wegen in der Region Hannover und kann mit etwas Aufmerksamkeit leicht gefunden werden. Über neu entdeckte Standorte dieser schönen Pflanze freuen sich das Team Naturschutz und der Arbeitskreis Heimische Orchideen. Deshalb bitte melden.

Text:
Arbeitskeis Heimische Orchideen Niedersachsen e.V.
Dr. Wolfgang Stern
und
Region Hannover
Hildesheimer Str. 20
30169 Hannover
Tel.: 0511/6162-2606 (Edeltraud Philipp)

Mergelgrube HPC I - ein Standort des Fleischfarbenen Knabenkrautes in der Region Hannover; Foto: Dr. Wolfgang Stern

Blüte Fleischfarbenes Knabenkraut; Foto: Dr. Wolfgang Stern

Fleischfarbenes Knabenkraut; Foto: Dr. Wolfgang Stern

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